Fast jedes zweite Kind hat einen
Deutschland zählt seine Zweitnamen nirgends – außer in Berlin, wo die Standesämter seit 2017 jeden Vornamen mit seiner Position veröffentlichen. Dort bekommen 43 Prozent der Mädchen und 42 Prozent der Jungen einen Zweitnamen, gut vier Prozent einen dritten. Die Zweitnamen sind ein eigenes Repertoire: Marie, Sophie und Maria bei den Mädchen, Alexander, Maximilian und Paul bei den Jungen – Namen, die als Erstname längst seltener geworden sind und als Zweitname weiterleben.
Der Zweitname ist die einzige Entscheidung auf dem ganzen Weg, die im Alltag fast keine Folgen hat. Niemand wird das Kind so rufen, er steht auf keinem Jackenschild, die Erzieherin kennt ihn nicht. Genau deshalb ist er nützlich: Man kann dort hineinlegen, was man sich vorn nicht traut. Hier steht zum ersten Mal mit Zahlen, was Eltern damit tatsächlich machen – und wofür.
Die häufigsten Zweitnamen
Zusammengefasst über sieben Jahrgänge (2017–2023) und alle zwölf Berliner Bezirke. Der Balken ist proportional zur Zahl der Kinder, die den Namen an zweiter Stelle tragen.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens die Konzentration: Die zehn häufigsten Zweitnamen der Mädchen decken 22 % aller Zweitnamen ab, bei den Jungen 12 % – Eltern greifen beim Zweitnamen viel öfter zum Gleichen als beim Erstnamen. Zweitens der Stil: Die Zweitnamen sind älter, länger, klassischer. Maria, Elisabeth, Johanna, Luise; Alexander, Maximilian, Friedrich, Karl, Theodor. Es ist die Namenswelt der Großeltern, die an zweiter Stelle weiterläuft.
Namen, die fast nur Zweitnamen sind
Manche Namen haben in Berlin die Seiten gewechselt: Sie werden häufiger an zweiter als an erster Stelle vergeben.
Mädchen: Marie (2504 als Zweit-, 769 als Erstname), Sophie (2388 als Zweit-, 694 als Erstname), Rose (351 als Zweit-, 63 als Erstname), Louise (312 als Zweit-, 104 als Erstname). Jungen: Peter (275 als Zweit-, 66 als Erstname).
Marie ist das eindrücklichste Beispiel. In den GfdS-Listen stand Marie über zwei Jahrzehnte ganz oben – gezählt wurden damals alle Vornamen, nicht nur der erste. Als die GfdS 2019 auf Erstnamen umstellte, verschwand Marie aus den Top 10. Sie war nie weg; sie war die ganze Zeit vor allem ein Zweitname. Umgekehrt sind die großen Erstnamen (Emma, Mia, Mila, Ella; Adam, Jonas, Theo, Milan) fast nie Zweitnamen: weniger als 15 Prozent ihrer Vergaben stehen an zweiter Stelle.
Wozu der Zweitname dient
Der Name eines Großelternteils, einer Patin, eines Verstorbenen. Es ist der älteste Zweck des Zweitnamens, und die Zahlen bestätigen ihn: Maria, Elisabeth, Johanna, Karl, Friedrich, Michael stehen an zweiter Stelle, weil sie an erster zu weit weg von 2025 wären. Das Kind trägt die Verbindung; es muss den Namen nicht tragen.
Ein Name, den das Kind später wählen kann. Wer mit seinem Rufnamen nicht glücklich ist, kann im Alltag jeden seiner eingetragenen Vornamen führen; seit 2018 lässt sich auch die Reihenfolge der Vornamen per Erklärung beim Standesamt neu bestimmen (§ 45a PStG) – deutlich einfacher als ein völlig neuer Name. Ein Zweitname ist ein Ausgang, den man dem Kind mitgibt.
Bei häufigem Erst- und Nachnamen (Emilia Müller, Noah Schmidt) trennt der Zweitname das Kind von den anderen Emilia Müllers in Akten, Praxen und Schullisten. Bei den zwanzig häufigsten Nachnamen Deutschlands ist das kein kleiner Nutzen.
Wer sich beim Erstnamen nicht einig ist, findet hier oft die Lösung: Der eine wählt den Rufnamen, der andere den Zweitnamen. Wie das Verfahren aussieht, steht in Wenn Sie sich nicht einigen können.
Was kein Zweck ist: »damit es schön klingt«. Die Kombination Emilia Marie Müller wird niemand außer Ihnen im Kreißsaal je aussprechen. Das ist kein Grund gegen einen Zweitnamen – aber allein kein Grund dafür.
Was das Standesamt erlaubt
Das deutsche Recht kennt keine feste Höchstzahl an Vornamen; das Standesamt kann aber eingreifen, wenn die Zahl der Namen dem Kindeswohl widerspricht – der Bundesgerichtshof hat 2004 zwölf Vornamen als zu viele angesehen, fünf gelten in der Praxis als Obergrenze des Üblichen. Alle eingetragenen Vornamen sind gleichwertig; der Rufname wird nicht amtlich festgelegt und lässt sich im Alltag frei wählen. Ein Bindestrichname (Anna-Lena) ist dagegen ein Vorname, der immer ganz geführt wird. Welche Namen das Standesamt überhaupt annimmt, ist Thema von Welche Vornamen das Standesamt ablehnt.
Praktisch heißt das: Zwei Vornamen ohne Bindestrich sind der Normalfall des Zweitnamens – ein Rufname, ein eingetragener Begleiter. Wer beide im Alltag führen will, nimmt den Bindestrich; wer sich die Wahl offenhalten will, lässt ihn weg.
Methode und Grenzen
- Quelle: Land Berlin, offene Daten der Standesämter »Liste der häufigen Vornamen« 2012–2023 (Lizenz CC BY), je Bezirk eine CSV-Datei mit Vorname, Anzahl, Geschlecht und – ab 2017 – Position (1 = Erstname, 2 = Zweitname, 3 = Drittname). Wir haben alle zwölf Bezirke zusammengefasst.
- Anteil mit Zweitnamen: Zahl der Namen an Position 2 geteilt durch Zahl der Namen an Position 1 (= Zahl der Kinder), je Jahr und Geschlecht.
- Häufigste Zweitnamen: Summe über 2017–2023, Position 2. »Fast nur Zweitname«: Namen mit mindestens 300 Vergaben, davon mindestens 70 Prozent an Position 2.
- Grenze: Berlin ist eine Stadt mit eigener Zusammensetzung; die Anteile sind für Deutschland Größenordnungen, keine amtlichen Bundeswerte. Es gibt keine bundesweite Statistik der Zweitnamen.
- Recht: Bürgerliches Gesetzbuch und Personenstandsgesetz; BGH-Beschluss vom 28. April 2004 (XII ZB 38/03) zur Zahl der Vornamen. Dieser Ratgeber beschreibt die gängige Praxis; im Einzelfall gibt das Standesamt Auskunft.
Weiterlesen: Wie lange ein Vorname beliebt bleibt · Zeitlose Vornamen
Eigene Auswertung von Momcozy auf Grundlage der offenen Daten des Landes Berlin. Alle Zahlen lassen sich in den Quelldateien nachprüfen.